Texte

Besser spät als nie: Hier kommt endlich der Redebeitrag vom Bildungsstreik am 17. November in Reutlingen:

Selbstbestimmt Leben und Lernen

Auch ich freue mich, dass trotz der kurzfristigen Ankündigung und verbesserungsfähigen Bewerbeung doch einige hierher zum Bildungsstreik gekommen sind.. Und ich freue mich, dass viele Schülerinnen und Schüler heute nicht wie sonst wenig begeistert in die Schule geschlurft sind, dass viele StudentInnen und Studenten heute nicht auf der nervenaufreibenden Jagd nach Credit Points sind. Ich freue mich, dass sie stattdessen hier und jetzt mit vielen anderen lautstark und leidenschaftlich ihre Unzufriedenheit und ihre Wut über unser Bildungssystem und seinen Zustand zum Ausdruck bringen werden. Ich freue mich, dass so viele heute ein unmissverständliches Zeichen setzen, dass sie die Ursachen ihrer Wut nicht länger widerstandslos hinnehmen werden.

Aber was stört uns eigentlich an unserem Bildungssystem? Ist das hier alles nicht nur das haltlose Gemecker fauler und gelangweilter Jugendlicher? Nein, das ist es ganz eindeutig nicht. In diesem Bildungssystem ist vieles schlicht nicht länger hinnehmbar. Zum einen gibt es da die offensichtlichen Missstände und Unzumutbarkeiten. Vollgestopfte Klassenzimmer, in denen allen Ernstes 32, 33 oder gar 34 Schülerinnen und Schüler gleichzeitig lernen sollen und Schulen, die nicht mal mehr genug Klassenzimmer zum Vollstopfen haben und ihre Schüler deshalb in Containern stecken müssen. Kinder in der 6. Klasse, die psychologische Hilfe benötigen, weil sie mit dem Stress im G8 nicht klar kommen und massiv eingeschränkte Bildungsmöglichkeiten für Kinder aus sozial schwachen Familien. Überfüllte Unis, in denen man eine viertel Stunde früher kommen muss, um noch einen Platz auf der Treppe zu kriegen, vorausgesetzt man konnte überhaupt einen Studienplatz bekommen. Arbeitslose Bachelorstudenten, die mit ihrem Abschluss keine Chancen haben, aber auch keinen der knappen Masterplätze kriegen konnten. Dies alles ist vielen Menschen bekannt und selbst die hartnäckigsten Realitätsverweigerer unter den Politikern müssen sich langsam eingestehen, dass es in unserem Bildungssystem Probleme gibt, die sich auch mit einer rosaroter Brille nicht mehr ignorieren lassen.

Aber uns stören nicht nur die Probleme an der Oberfläche. Unsere Kritik am Bildungssystem geht weiter, sie ist auch eine Kritik am System Schule. Die Probleme, die wir mit dem Bildungssystem haben, lassen sich nicht mit ein paar zusätzlichen LehrerInnen und Lehrer und auch nicht mit der Reduzierung des Klassenteilers in Grundschulen von 31 auf immer noch skandalöse 28 Kinder pro Klasse lösen. Auch wenn G8 als Fehler eingestanden und zurückgenommen würde, wenn die Studiengebühren endlich überall abgeschafft und soziale Bildungsschranken eingerissen würden, wären die Prinzipien, die uns an diesem Bildungssystem stören, noch lange nicht überwunden. Natürlich streiten wir trotzdem für diese Ziele, sie gehören zu unseren zentralen Forderungen, und ihre Verwirklichung wäre auch nicht wirkungslos, sie wäre uns jedoch nicht genug.

Wie aber funktioniert das Bildungssystem unserer Gesellschaft und was stört uns daran? Das Bildungssystem in unserer Gesellschaft ist im Wesentlichen ein Ausbildungssystem. Die Lernenden sollen sich nicht ein möglichst umfassendes, nach persönlichen Interessen vertieftes, Wissen aneignen, sie sollen das lernen , was andere für lernenswert erachten. Bis zu einem gewissen Grad geht es tatsächlich darum, den SchülerInnen und Schülern Fähigkeiten zu vermitteln, die nötig sind um sich in unserer Welt zu Recht zu finden, wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Doch das ist nicht der grundsätzliche Zweck der Schule. Es geht nicht darum, den Schülerinnen und Schülern etwas beizubringen, damit sie es wissen und es ihnen hilft, sondern es wird ihnen beigebracht, damit sie, wie es heißt, „nützliche Mitglieder unserer Gesellschaft“ werden, damit sie als für die Wirtschaft verwertbare Arbeitskräfte zur Verfügung stehen.

Da die Unternehmen unterschiedlich gut ausgebildete Menschen in unterschiedlicher Anzahl benötigt, ist eine zentrale Aufgabe der Schule die Selektion, also die Aufteilung der Schüler auf verschieden Schulen. Durch sie werden zukünftige Berufsmöglichkeiten und die soziale Schichten weitgehend vorherbestimmt. Es wäre also gegen den Zweck der Schule, wen alle Abitur machen würden. Die Unternehmen brauchen ja auch Arbeitskräfte, die klaglos unangenehme oder langweilige Arbeiten machen, weil sie keine andere Möglichkeit haben. Denn den allermeisten Menschen bleibt in unserer Gesellschaft nichts anderes übrig, als ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um ihren Lebensunterhalt zu bekommen. Die Schule soll also, entsprechend den Interessen der Unternehmen, Arbeitskräfte von unterschiedlich tiefgehender und umfassender Ausbildung sozusagen produzieren. Sie soll nicht allen Schülerinnen und Schülern gute Bildung entsprechend ihren Interessen und Fähigkeiten ermöglichen. Dies zeigt sich daran, dass SchülerInnen und Schüler die als schwächer gelten kürzer auf der Schule sind als Schüler den das Lernen leichter fällt und nicht etwa länger um ihre Lernprobleme auszugleichen.

Dennoch wird behauptet, bei der Aufteilung gehe es um Ausbildung nach Fähigkeiten, um, leider mit ziemlichem Erfolg, den Anschein zu erwecken diese Aufteilung sei gerecht und im Interesse aller. Dieses Verfahren kann aber gar nicht gerecht sein, da es ja gewollt ist, dass nicht alle Schüler ähnlich gut sind. Um dies zu erzwingen, wird zum Beispiel von Lehrerinnen und Lehrern erwartet, dass die Noten ihrer Schüler bei Klassenarbeiten der so genannte Gausschen Normalverteilung entsprechen. Das heißt es soll einige gute Noten, viele im Mittelfeld und ein paar schlechte Noten geben. Gibt es zu viele schlechte oder auch zu viele gute, soll der Notenspiegel entsprechend angepasst werden. Daran zeigt sich, dass Noten nichts mit der Wissensvermittlung zu tun haben, sondern nur dazu dienen die Schülerinnen und Schüler in Gruppen einzuteilen.

Bei vielem, was man in der Schule lernt, geht es dann auch gar nicht so sehr um den Inhalt, als vielmehr um die Noten und den Wettbewerb der Schüler untereinander. Oder, wie schon der lateinische Philosoph Seneca sagte, Non vitae, sed scholae discimus, nicht für das Leben sondern für die Schule lernen wir. Deshalb ist bei Klassenarbeiten häufig nicht wirkliches, dauerhaftes Verständnis gefragt, sondern die Fähigkeit, das Geforderte gut auswendig zu lernen und so abzuliefern wie es der Lehrer oder die Lehrerin hören will. Daher haben viele kurz nach einer Arbeit auch schon das Meiste wieder vergessen, um im Kurzzeitgedächtnis Platz für neuen Lernstoff zu schaffen. Selbstverständlich gibt es auch Lehrerinnen und Lehrer, die Verständnis und kritisches Nachdenken bei ihren Schülerinnen und Schülern wecken wollen, die zentrale Aufgabe der Schule ist dies aber nicht.

Noten sind zum erfolgreichen Lernen aber überhaupt nicht notwendig, auch wenn das viele behaupten. Überlegt doch mal: Das was euch Spaß macht, lernt ihr doch auch ohne Notendruck, wie zum Beispiel Posaune spielen, Ski fahren, Websites programmieren und vieles, vieles mehr. Lernen für Noten statt Lernen aus Interesse senkt hingegen die Motivation massiv. Ich habe zum Beispiel nie große Lust gehabt auf Geschichteklausuren zu lernen, obwohl ich mich sehr für Geschichte interessiere und zum Privatvergnügen Geschichtsbücher lese. Wenn man sich mit etwas zwangsweise beschäftigen muss, macht es eben fast nie Spaß.

Da unser Schulabschluss großen Einfluss auf unser weiteres Leben hat, tun viele Schüler alles was sie können um zu den Guten zu gehören. Es können aber, wie wir gerade gesehen haben, gar nicht alle gute Noten haben. Deshalb stehen die Schülerinnen und Schüler in einem ständigen Konkurrenzkampf zu einander. Da die Noten keine absoluten Größen sondern Vergleichswerte der Schüler untereinander sind, bin ich nur gut, wenn andere schlecht sind. Das Notensystem erfüllt damit einen zweiten Zweck. Es soll die Schülerinnen und Schüler auf eine Gesellschaft vorbereiten, in der alle Menschen in Konkurrenz zu einander stehen, etwa um Studienplätze, Arbeitsplätze, oder Beförderungen Sie sollen lernen, dass man in unserer Gesellschaft um Erfolg zu haben immer besser wie die anderen sein muss und nur an den eigenen Vorteil denken darf.

Diese Erziehung zum Konkurrenzkampf im Kindes- und Jugendalter trägt dazu bei, dieses System des freien, aber nicht freiwilligen, Wettbewerbs aller gegen alle als alternativlos, normal oder gar vernünftig, auf jeden Fall aber als unveränderlich erscheinen zu lassen.

Die Schule soll laut dem baden-württembergischen Schulgesetz aber nicht nur „zu sozialer Bewährung“, also Akzeptanz der geltenden gesellschaftlichen Spielregeln, sondern auch „in Verantwortung vor Gott“ und „in der Liebe zu Volk und Heimat“ erziehen. Wie Erziehung zu Liebe funktionieren soll, würde ich gern mal wissen, ebenso warum ich 82 Millionen Menschen lieben sollte, weil sie Deutsche sind, die restlichen Milliarden aber nicht. Wir können nur froh sein, dass viele Lehrer diesen Auftrag zur Gehirnwäsche nicht allzu ernst nehmen. Jedoch hilft da gelegentlich der Lernplan nach, etwa wenn im Geschichtsunterricht fast nur die Geschichte des heutigen Deutschlands stattfindet. Außerdem soll die Schule zur Demokratie erziehen. Das versucht sie auch, allerdings zu einer auf den politischen Bereich beschränkten Demokratie, wie es sie bei uns gibt. Diese soll im Unterricht auch nicht allzu kritisch hinterfragt werden. Daher ist die Schule selbst auch nicht demokratisch, sondern streng hierarchisch organisiert, wie die Wirtschaft, auf die sie vorbereiten soll. Die Mitwirkungsorgane der Schülerinnen und Schüler haben nur eine mehr oder weniger dekorative Funktion.

So sieht die Schule also heute aus: Eine Lernfabrik, die aus jungen Menschen taugliches Rohmaterial für die Wirtschaft und gute, das heißt brave, nach den gesellschaftlichen Spielregeln spielende Staatsbürger machen soll.

Daher genügt es uns auch absolut nicht, die Schulen etwas besser auszustatten oder ein besseres Abschneiden bei der PISA- Studie zu erreichen. Dies würde höchstens zu einer besseren Ausbildung der Schüler gemäß den Interessen der Unternehmen führen. Auch Chancengleichheit im Bildungssystem ist uns zu wenig. Denn wenn alle beim Wettlauf um gute Noten, gut bezahlte Jobs und so weiter von der selben Position starten, bleibt es trotzdem ein Wettlauf.

Wir wollen dagegen eine völlig andere Schule. Eine Schule, in der Wissbegier nicht abgetötet wird, sondern ausgelebt werden kann. Eine Schule, in der nicht für Noten gelernt wird, sondern aus Interesse, Neugier und Spaß. Eine Schule in der nicht gegeneinander um die besten Noten gerungen wird, sondern gemeinsam gelernt und sich gegenseitig geholfen wird. Wir wollen eine Schule, in der die Schülerinnen und Schüler die Unterrichtsinhalte und die Unterrichtsgestaltung bestimmen, in der alle Entscheidungen von SchülerInnenschaft und LehrerInnenschaft demokratisch und gleichberechtigt getroffen werden. Wir wollen eine Schule, die aus uns nicht optimal verwertbares Humankapital macht, sondern eine, in der wir lernen können, was uns interessiert und was wir nützlich finden. Wir wollen nicht zu braven Staatsbürgern erzogen werden, wir wollen eine Bildung, die uns zum kritischen Nachdenken, Argumentieren und Entscheiden befähigt. Und wir wollen auch die dazu passende Gesellschaft, in der wir nicht mehr mit einander konkurrieren müssen, sondern unser Leben gemeinsam und solidarisch gestalten können Den das eine geht nicht ohne das andere.

Wir wissen, dass es bis dahin noch ein langer Weg ist und wahrscheinlich keiner von uns mehr in eine solche Schule gehen wird. Dennoch machen wir uns für diese umfassende Veränderung des Bildungssystems stark. Dennoch sind wir sicher, dass selbstbestimmtes Leben und Lernen für alle Menschen möglich ist. Das Ziel ist noch weit weg, aber nicht unerreichbar. Je mehr wir sind, die dafür eintreten, desto mehr können wir bewegen. Die meisten großen Veränderungen im Laufe der Geschichte fingen klein an und kaum jemand glaubte anfangs an ihren Erfolg. Deshalb: Bleiben wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche! Verändern wir unser Bildungssystem! Verändern wir unsere Gesellschaft!

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